Wenn über Empowerment gesprochen wird, denken viele zunächst an moderne Führungsmodelle, agile Methoden oder flache Hierarchien. Im Gespräch mit Madlena Komitova von den Häusern zum Leben, die Wien weit 30 Häuser und 135 Pensionistinnenklubs betreiben, wird jedoch schnell klar: Empowerment ist weit mehr als ein Organisationskonzept. Es ist eine Haltung – die Überzeugung, dass Menschen Verantwortung übernehmen wollen, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt.
Der Weg dorthin begann mit einer grundlegenden Frage: Wie kann eine Organisation in einer Welt erfolgreich bleiben, die immer komplexer, unsicherer und schwerer planbar wird?
Die Illusion der Sicherheit loslassen
Viele Organisationen sind auf Stabilität, Kontrolle und Vorhersagbarkeit ausgerichtet. Doch genau diese Sicherheiten geraten zunehmend ins Wanken. Für Madlena Komitova, Bereichsleiterin der 135 Pensionistinnenklubs für die Stadt Wien, war deshalb klar, dass die Antwort nicht in noch mehr Kontrolle liegen kann, sondern im konstruktiven Umgang mit Unsicherheit.
Dabei hat sie eine wichtige Erkenntnis gewonnen: Selbstorganisation braucht nicht weniger, sondern mehr Klarheit. Rollen, Verantwortlichkeiten und gemeinsame Spielregeln müssen transparent sein. Gleichzeitig braucht es regelmäßige Reflexion darüber, ob diese noch zum Umfeld passen.
Agilität bedeutet für sie deshalb nicht Freiheit ohne Grenzen, sondern Freiheit innerhalb eines gemeinsam gestalteten Rahmens. Nicht alle Menschen müssen denselben Weg gehen
Eine ihrer wichtigsten Lernerfahrungen war die Erkenntnis, dass Veränderung nicht bedeutet, alle Menschen gleichermaßen überzeugen zu müssen.
„Am Anfang wollte ich alle mitnehmen. Heute weiß ich: Das funktioniert nicht.“
Menschen gehen unterschiedlich mit Unsicherheit um. Manche gestalten Veränderungen aktiv mit, andere benötigen mehr Zeit oder bevorzugen klarere Strukturen. Empowerment bedeutet deshalb nicht, alle in dieselbe Arbeitsweise zu drängen, sondern unterschiedliche Bedürfnisse anzuerkennen und passende Rollen zu schaffen.
Entscheidend ist nicht, wie begeistert jemand von Veränderung ist, sondern welchen Beitrag die Person leisten kann.
Führung heißt Verantwortung teilen
Mit der Veränderung der Organisation hat sich auch das Führungsverständnis verändert. Führung bedeutet für Madlena Komitova heute vor allem, Menschen zu befähigen, Verantwortung zu übernehmen.
Besonders herausfordernd war für sie das Loslassen der alleinigen Budgetverantwortung. Über Jahre liefen finanzielle Entscheidungen über ihren Schreibtisch. Mit der Einführung einer eigenständigen Finanzgruppe änderte sich das grundlegend.
„Früher hätte ich jede Budgetfrage beantwortet. Heute kann ich sagen: Das weiß ich nicht.“
Was zunächst ungewohnt war, betrachtet sie heute als Erfolg. Denn wenn Wissen ausschließlich bei einzelnen Personen liegt, entsteht Abhängigkeit. Ihr Ziel ist es, Wissen zu verteilen und Organisationen unabhängiger von Schlüsselpersonen zu machen.
Menschen wollen mitgestalten
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Überzeugung, dass Menschen sich beteiligen möchten.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen aus ihrer Sicht deutlich, dass Mitarbeitende, Ehrenamtliche und Partner oft mehr beitragen möchten, als Organisationen ihnen zutrauen. Durch neue Beteiligungsformate und Themenkreise konnten die Häuser zum Leben die Zahl der ehrenamtlich Engagierten deutlich steigern.
Dabei entstand ein positiver Kreislauf: Wer erlebt, dass die eigene Meinung zählt und Wirkung entfaltet, bringt sich stärker ein. Andere werden dadurch motiviert, ebenfalls Verantwortung zu übernehmen.
Für Madlena Komitova erfüllt Beteiligung ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Sinn.
Stärken stärken statt Schwächen verwalten
Ein weiterer Grundsatz ihrer Führungsphilosophie lautet: „Stärken stärken und Schwächen kompensieren.“
Statt Menschen an starre Strukturen anzupassen, sucht sie bewusst nach individuellen Talenten. Immer wieder erlebt sie, dass Mitarbeitende Fähigkeiten entwickeln, die in ihren ursprünglichen Rollen gar nicht sichtbar waren.
Selbst bei Neueinstellungen versucht sie, Positionen an Menschen auszurichten – und nicht umgekehrt. Für sie liegt hier ein grundlegender Denkfehler vieler Organisationen: Zu oft werden Menschen in bestehende Strukturen gepresst, statt Strukturen an Menschen anzupassen.
Werte als Fundament der Kultur
Veränderung gelingt aus ihrer Sicht nicht allein durch neue Prozesse. Deshalb investiert die Organisation gezielt in Wertearbeit und Lernkultur.
In einer eigenen Akademie stehen Themen wie Selbstverantwortung, Zusammenarbeit und Unternehmenskultur im Mittelpunkt. Fachwissen lässt sich vermitteln oder zunehmend durch Technologie unterstützen. Werte hingegen müssen gemeinsam erlebt und entwickelt werden.
Für Madlena Komitova gibt es deshalb kein fertiges Organisationsmodell zum Kopieren. Jede Organisation muss ihren eigenen Weg finden und bereit sein, kontinuierlich zu lernen.
Wenn Krisen alte Muster auslösen
Besonders sichtbar wird Kultur in Krisensituationen. Dann treten häufig alte Verhaltensmuster auf: Der Wunsch nach Kontrolle wächst, Vertrauen sinkt und Entscheidungen sollen wieder zentral getroffen werden.
Auch in selbstorganisierten Strukturen ist das spürbar. Für Madlena Komitova sind solche Situationen jedoch kein Rückschritt, sondern Teil des Entwicklungsprozesses.
Entscheidend sei, diese Muster offen anzusprechen. Denn hinter vielen Konflikten stecken weniger fachliche Fragen als die Angst vor Fehlern oder Kontrollverlust.
Dabei gilt eine klare Regel:
„Wir diskutieren über die Sache – niemals über die Person.“
Empowerment beginnt bei der Führungskraft
Am Ende des Gesprächs bleibt vor allem eine Erkenntnis: Empowerment beginnt bei der eigenen Haltung.
Wer Verantwortung teilen möchte, muss Kontrolle loslassen. Wer Vertrauen erwartet, muss Vertrauen schenken. Wer Beteiligung fördern möchte, muss bereit sein zuzuhören.
Madlena Komitova spricht dabei offen über ihre eigenen Lernprozesse, ihre Ungeduld und die Momente, in denen auch sie in alte Muster zurückfällt. Ihr persönlicher Tipp für stressige Situationen ist dabei überraschend einfach: „kurz den Raum verlassen, Hände und Gesicht waschen und bewusst Abstand gewinnen“, verrät Frau Kormitova ihr Geheimrezept.
Gerade diese Offenheit macht deutlich, dass Empowerment kein Zustand ist, den man irgendwann erreicht. Es ist ein kontinuierlicher Prozess.
Eine Organisation als Gemeinschaft
Für Madlena Komitova geht es bei Empowerment letztlich nicht um Methoden oder Managementtrends. Es geht darum, Menschen ernst zu nehmen, ihre Stärken sichtbar zu machen und echte Mitgestaltung zu ermöglichen.
Der Weg dorthin ist oft langsamer als klassische Hierarchien und nicht immer bequem. Dafür entsteht etwas, das in vielen Organisationen verloren gegangen ist: das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das man selbst mitgestalten kann.
Und genau darin liegt vielleicht die stärkste Form von Empowerment – nicht Menschen zu führen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen gemeinsam wachsen können.
Die wichtigsten Erkenntnisse
1. Was ist die wichtigste Voraussetzung für Empowerment?
Empowerment beginnt mit Vertrauen. Menschen übernehmen Verantwortung, wenn Führungskräfte bereit sind, Kontrolle zu teilen und echte Mitgestaltung zu ermöglichen.
2. Warum bedeutet Selbstorganisation nicht weniger Führung?
Selbstorganisation braucht klare Rollen, transparente Regeln und gemeinsame Orientierung. Freiheit funktioniert am besten innerhalb eines klaren Rahmens.
3. Wie entsteht nachhaltige Beteiligung in Organisationen?
Menschen engagieren sich stärker, wenn sie erleben, dass ihre Ideen gehört werden und ihr Beitrag Wirkung hat. Beteiligung erzeugt oft weitere Beteiligung.