Mit Gabriele Andratschke (Head of Human Resources, GrECo Group)
Wenn über Empowerment gesprochen wird, entsteht oft das Bild von mehr Eigenverantwortung, flachen Hierarchien und selbstorganisierten Teams. Im Gespräch mit Gabriele Andratschke wird jedoch deutlich, dass Empowerment weit mehr ist als ein modernes Führungsinstrument. Es ist eine Haltung, die auf Vertrauen, Entwicklung und dem ehrlichen Wunsch basiert, Menschen wachsen zu lassen.
Dabei beginnt Empowerment nicht bei den Mitarbeitenden, sondern bei der Führungskraft selbst.
Vertrauen und Grenzen setzen
Mitarbeitende sollen dazu angeleitet werden, eigene Lösungen für Probleme zu finden, anstatt die Entscheidung an die Führungskraft zu delegieren.
Ein prägendes Beispiel dafür stammt aus ihrem eigenen Führungsalltag. Mitarbeitende kommen häufig mit Problemen oder Fragen in ihr Büro und erwarten eine Entscheidung. Ihre Reaktion lautet dann oft: „Wie würdest du das lösen?“
Was zunächst irritiert, entwickelt sich langfristig zu einem wichtigen Lernprozess. „Denn wer immer nur Antworten bekommt, lernt selten selbst Entscheidungen zu treffen. Wer hingegen ermutigt wird, eigene Lösungen zu entwickeln, gewinnt Selbstvertrauen und Handlungssicherheit“, meint Gabriele Andratschke. Aufgabe der Führungskraft ist dabei Feedback zu Entscheidungsvorschläge zu geben und so die Kompetenz aufzubauen.
Entwicklung braucht Übungsräume
Empowerment bedeutet für sie nicht, Menschen ins kalte Wasser zu werfen. Vielmehr braucht es geschützte Räume, in denen Erfahrungen gesammelt werden können.
Dieses Prinzip zeigt sich für Gabriele Andratschke in vielen Alltagssituationen: Entwicklung entsteht nicht dadurch, dass man Menschen Aufgaben abnimmt, sondern indem man ihnen zutraut, eigene Erfahrungen zu machen und Verantwortung zu übernehmen. Entscheidend ist dabei, dass dieser Lernprozess in einem Rahmen stattfindet, der Orientierung und Sicherheit gibt.
Genau dieses Prinzip überträgt sie auf den Arbeitsalltag. Mitarbeitende brauchen Situationen, in denen sie Entscheidungen treffen können, ohne dass sofort schwerwiegende Konsequenzen drohen. Solche „Safe Spaces“ schaffen die Möglichkeit zu lernen, Fehler zu machen und daraus zu wachsen.
Dabei ersetzt sie den Begriff Fehlerkultur bewusst durch Lernkultur.
Wer nie scheitert, lernt auch nicht, mit Rückschlägen umzugehen. Entwicklung entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Erfahrung.
Nicht jeder möchte „empowert“ werden
Eine interessante Beobachtung aus Gabriele Andratschkes langjährigen Führungserfahrung ist, dass Empowerment nicht für alle Menschen gleich attraktiv ist.
Während manche Mitarbeitende neue Freiräume begeistert nutzen, fühlen sich andere in klar definierten Rollen wohler. Nicht jede Person strebt nach mehr Verantwortung oder möchte sich ständig weiterentwickeln.
Für Gabriele Andratschke ist das kein Problem, sondern Ausdruck unterschiedlicher Bedürfnisse. Gute Führung bedeutet für sie deshalb nicht, alle Menschen in dieselbe Richtung zu entwickeln. Vielmehr geht es darum, individuelle Stärken zu erkennen und passende Rahmenbedingungen zu schaffen.
„Nicht jeder Mensch möchte in dieselbe Richtung wachsen – und das ist in Ordnung “, bringt sie es auf den Punkt.
Leistung aus Motivation statt Leistungsdruck
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Frage, wie Leistung heute verstanden wird. „Ich habe gelernt, die Dinge zu Ende zu führen, die ich begonnen habe.“
Für Gabriele Andratschke ist Leistung nichts Negatives. Im Gegenteil.
Menschen leisten dann besonders viel, wenn sie Aufgaben übernehmen können, die ihren Fähigkeiten entsprechen und ihnen Sinn vermitteln. Probleme entstehen häufig nicht durch hohe Anforderungen, sondern durch Unterforderung, fehlende Gestaltungsmöglichkeiten oder Tätigkeiten, die nicht zu den eigenen Stärken passen. Menschen müssen wissen, „das ist mein Beitrag,“ „diese Entscheidung darf ich alleine treffen“ und „hier bin ich die ExpertIn.“
Gleichzeitig warnt Gabriele Andratschke davor, Leistung ausschließlich über Kennzahlen und Dashboards zu bewerten. In vielen Organisationen werden Mitarbeitende anhand von KPIs beurteilt, während wichtige Faktoren wie Motivation, Belastung oder Teamdynamik kaum sichtbar werden.
Deshalb plädiert sie für regelmäßige Gespräche, ehrliches Feedback und echte Wertschätzung.
Ein einfaches „Danke“ könne oft mehr bewirken als aufwendige Motivationsprogramme.
Wertschätzung zeigt sich im Alltag
Besonders eindrucksvoll beschreibt Gabriele Andratschke, wie sich Wertschätzung im täglichen Miteinander zeigt.
Gerade in personell herausfordernden Phasen wird sichtbar, ob Zusammenarbeit nur formal funktioniert oder ob Menschen bereit sind, über ihren eigenen Aufgabenbereich hinaus Verantwortung zu übernehmen.
Für sie war das kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Kultur, in der Menschen sich ernst genommen fühlen und bereit sind, Verantwortung für das gemeinsame Ganze zu übernehmen.
Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen formaler Mitarbeit und echter Verbundenheit. Wer sich gesehen, gehört und wertgeschätzt fühlt, geht oft freiwillig die berühmte „Extra Mile“.
Führung in einer komplexen Welt
Besonders in Zeiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz gewinnt Empowerment aus ihrer Sicht an Bedeutung.
Die Arbeitswelt wird komplexer, Aufgaben verändern sich schneller und die Anforderungen steigen kontinuierlich. Gleichzeitig beobachtet sie, dass die Entscheidungsfreude vieler Menschen abnimmt. Unsicherheit wächst, Verantwortung wird häufiger nach oben delegiert und Entscheidungen werden aufgeschoben.
Umso wichtiger wird eine Führungskultur, die Orientierung gibt und gleichzeitig Selbstständigkeit fördert.
Dazu gehört auch, Erwartungen klar zu kommunizieren. Mitarbeitende müssen wissen, was von ihnen erwartet wird. Genauso wichtig ist jedoch die umgekehrte Frage:
„Was brauchst du von mir, damit du erfolgreich sein kannst?“ erklärt Gabriele Andratschke.
Für Gabriele Andratschke liegt genau darin der Kern von Empowerment.
Eine Kultur, in der Menschen wachsen können
Am Ende des Gesprächs bleibt vor allem eine Erkenntnis: „Empowerment bedeutet nicht, Menschen ständig zu mehr Leistung oder Verantwortung zu drängen. Es bedeutet, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Menschen ihre Stärken entfalten und Verantwortung übernehmen können“, fasst Gabriele Andratschke zusammen.
Dafür braucht es Vertrauen, Wertschätzung, Lernbereitschaft und den Mut, Verantwortung zu teilen.
Gerade in einer Zeit, in der viele Organisationen über Fachkräftemangel, Motivation und Transformation diskutieren, wirkt dieser Gedanke aktueller denn je.
Ihr Tipp für herausfordernde Momente:
Mir hilft der persönliche Austausch mit einer vertrauten Kollegin – gegenseitiges Sparring, um Gedanken zu ordnen und neue Perspektiven zu gewinnen.
Beim Remote- oder hybriden Arbeiten unterstützt mich ein klar abgegrenzter Arbeitsbereich. Und manchmal hilft auch laute, rockige Musik, um den Kopf freizubekommen.Formularende
Die wichtigsten Erkenntnisse
1. Was ist die wichtigste Voraussetzung für Empowerment?
Empowerment beginnt mit Vertrauen. Führungskräfte müssen bereit sein, Verantwortung abzugeben und Mitarbeitenden zutrauen, eigene Lösungen zu entwickeln.
2. Warum funktioniert Empowerment nicht für alle Menschen gleich?
Nicht jede Person strebt nach mehr Verantwortung oder Selbstorganisation. Gute Führung erkennt individuelle Bedürfnisse und schafft passende Rahmenbedingungen für unterschiedliche Stärken.
3. Wie entsteht nachhaltige Leistung in Teams?
Menschen leisten besonders viel, wenn sie ihre Stärken einsetzen können, Wertschätzung erfahren und ihren eigenen Beitrag zum gemeinsamen Erfolg erkennen.
Fotocredit; Ingo Folie