Im Gespräch mit dem ehemaligen Spitzenruderer, mehrfachen Olympiateilnehmer und heutigen Präsidenten des Österreichisches Olympisches Comité, Horst Nussbaumer, entsteht weit mehr als ein klassisches Sportinterview. Es entwickelt sich eine intensive Reflexion über Verantwortung, Führung, Kommunikation und die Frage, warum viele Organisationen zwar von „High Performance“ sprechen, aber oft die Voraussetzungen dafür nicht schaffen.
Der zentrale Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gespräch:
Höchstleistung entsteht nicht durch Druck oder Motivationsparolen, sondern durch Verantwortung, Klarheit, gegenseitige Abhängigkeit und psychologische Sicherheit.
Bereits zu Beginn räumt Nussbaumer mit der romantisierten Vorstellung des Spitzensports auf. Nur eine kleine Elite kann tatsächlich dauerhaft vom Sport leben. Deshalb ist es essenziell, dass Leistungssportler parallel eine Ausbildung oder berufliche Perspektive entwickeln. In vielen Sportarten werde genau darauf großer Wert gelegt – nicht nur aus Vernunft, sondern auch aus Schutz vor einer Realität, die viele unterschätzen, denn die eigentliche Krise beginne häufig erst nach der Karriere. Über Jahre hinweg erleben Spitzensportler Aufmerksamkeit, Anerkennung und gesellschaftliche Bestätigung. Sie stehen im Mittelpunkt, werden bewundert und emotional getragen. Doch sobald die sportliche Leistung endet, verschwinden oft Status, Öffentlichkeit und große Teile des sozialen Umfelds beinahe schlagartig.
Host Nussbaumer beschreibt diese Dynamik als „Sportfalle“: Viele Athleten haben nie gelernt, ihre Identität unabhängig von Leistung zu definieren. Wenn die täglichen Adrenalinkicks, das öffentliche Interesse und die Zugehörigkeit wegfallen, entsteht ein gefährliches Vakuum. Manche geraten dadurch in schwere persönliche Krisen, entwickeln Suchtprobleme oder andere Bewältigungsstrategien.
Die Parallele zur Wirtschaft zieht er unmittelbar selbst. Auch Führungskräfte oder Geschäftsführer erleben häufig einen ähnlichen Identitätsverlust, sobald Position, Einfluss oder Status verloren gehen. Die Mechanismen von Bewunderung, Zugehörigkeit und sozialer Relevanz seien in vielen Bereichen erstaunlich ähnlich.
Besonders eindrücklich beschreibt Horst Nussbaumer den kompromisslosen Alltag im Spitzensport. Wer international mithalten will, muss nahezu alles dem Ziel unterordnen: Training, Schlaf, Regeneration, Ernährung, soziale Beziehungen und Freizeit. Während Gleichaltrige reisen, feiern oder spontane Wochenenden genießen, trainieren Hochleistungssportler oft mehrmals täglich. Der entscheidende Unterschied ist dabei nicht Talent allein, sondern die Bereitschaft zur konsequenten Wiederholung.
„Irgendwo auf der Welt trainiert gerade jemand, während du Urlaub machst“, fasst er die Realität des internationalen Spitzensports zusammen.
Leistung kann im Spitzensport nicht delegiert werden.
Motivation allein reicht nicht aus. Fortschritt entsteht ausschließlich durch tägliche Arbeit, Disziplin und Wiederholung. Gerade deshalb sieht er auch die gesellschaftliche Vorstellung kritisch, dass Spitzensport automatisch ein Weg zu Ruhm und Wohlstand wäre. Besonders im Fußball entwickeln Eltern und junge Athleten häufig unrealistische Erwartungen. Tausende investieren enorme Energie, obwohl nur wenige tatsächlich den Durchbruch schaffen. Die eigentliche Härte besteht ja darin, dass viele dieselbe Disziplin und dieselben Opfer bringen wie spätere Stars – und trotzdem irgendwann hören müssen: „Es reicht nicht.“
Besonders spannend wird das Gespräch dort, wo Nussbaumer seine Erfahrungen aus dem Spitzensport mit Unternehmen vergleicht. Nach seinem Wechsel in die Wirtschaft war er zunächst regelrecht ernüchtert. Überall wurde von „High Performance Teams“, „Zusammenarbeit“ und „Teamgeist“ gesprochen – echte gegenseitige Verantwortung erlebte er jedoch oft nicht.
Im Rudersport etwa ist man existenziell voneinander abhängig. Schon kleine Fehler eines Teammitglieds beeinflussen sofort das gesamte Boot. Jeder Ruderschlag wirkt sich unmittelbar auf alle anderen aus. Dieses Bewusstsein für gemeinsame Verantwortung vermisst er in vielen Organisationen. Dort arbeiten Menschen häufig nebeneinander statt wirklich miteinander. Entscheidungen werden vertagt, Verantwortung weitergereicht und Fehler möglichst vermieden. Dadurch entsteht zwar Aktivität – aber keine echte Produktivität mehr.
Genau hier wird psychologische Sicherheit zum zentralen Thema des Gesprächs.
Horst Nussbaumer beschreibt, wie stark Leistung davon abhängt, ob Menschen sich sicher genug fühlen, offen zu sprechen – über Unsicherheit, Fehler, Überforderung oder Konflikte. Für die Weiterentwicklung als SpitzensportlerIn ist das essenziell. In Unternehmen hat er in vielen klassischen Teamworkshops oder Motivationsveranstaltungen beobachtet, Menschen verändern ihr Verhalten nicht durch theoretische Modelle oder kurzfristige Begeisterung. Nachhaltige Veränderung entsteht erst dort, wo Vertrauen vorhanden ist und Probleme tatsächlich ausgesprochen werden dürfen.
Als Funktionär spielt Sicherheit dann eine Rolle, wenn man mehr Frauen als Zuschauerinnen gewinnen wolle. Dafür braucht es sichere, respektvolle und wertschätzende Rahmenbedingungen. Nur so lasse sich der bestehende Teufelskreis durchbrechen, in dem männlich dominierter Sport mehr Aufmerksamkeit, mehr Geld und dadurch wiederum mehr Sichtbarkeit erhält.
Besonders relevant ist für ihn Kommunikation – sowohl im Sport als auch in Unternehmen. Gerade im Spitzensport müsse oft laut, schnell und unter hohem Druck kommuniziert werden. Im Rudern etwa ruft ein Trainer technische Korrekturen über große Distanz. Doch genau dort entstehe schnell eine gefährliche Dynamik: Was technisch gemeint ist, kann emotional wie ein persönlicher Angriff wirken.
Die entscheidende Erkenntnis aus der Kommunikation fasst Host Nussbaumer zusammen:
„Nicht die Absicht zählt – sondern die Wirkung.“
Sobald Menschen das Gefühl haben, angegriffen zu werden, reagieren sie nicht mehr rational, sondern emotional. Genau deshalb ist eine respektvolle Kommunikation die Voraussetzung für Leistungsfähigkeit.
Horst Nussbaumer legt besonders in seiner Rolle als Funktionär großen Wert auf Sprache, denn sie formt Kultur.
Im Sport geht es um den Antrieb, der vom Sportler/Sportlerin kommt, aber auch von TrainerInnen unterstützt und eingefordert wird. „Wenn ich glaube ich kann es nicht, kommt es schon vor, dass TrainerInnen sagen, „Du bleibst jetzt im Boot und steigst erst aus, wenn Du es kannst.“ Das funktioniert im Unternehmen nicht. Gerade unter Druck zeigt sich, wie Organisationen wirklich funktionieren: Wird respektvoll kommuniziert? Können Menschen Fehler ansprechen? Gibt es Vertrauen? Oder beginnt jeder nur noch, sich selbst zu schützen?
Viele Verhaltensmuster, so erklärt Horst Nussbaumer, entstehen aus der eigenen Biografie. Menschen reproduzieren häufig unbewusst genau jene Kommunikations- und Konfliktmuster, die sie selbst erlebt haben – gerade auch im Sport oder in hierarchischen Strukturen. Deshalb haben Führungskräfte und Trainer eine enorme Verantwortung zur Selbstreflexion und persönlichen Weiterentwicklung.
Besonders wichtig sind mehr Frauen im Sport. Horst Nussbaumer beschreibt, dass viele Mädchen deutlich früher mit dem Sport aufhören als Jungen. Gründe dafür seien fehlende Vorbilder, mangelnde Unterstützung, unangenehme Erfahrungen oder fehlende Identifikationsmöglichkeiten. Deshalb sieht er in der Ausbildung und Förderung von Trainerinnen einen der wichtigsten Hebel für Veränderung.
Wenn mehr Mädchen länger im Sport bleiben, entstehen später auch mehr Trainerinnen, Funktionärinnen oder Schiedsrichterinnen. Daraus kann ein positiver Kreislauf entstehen. Gleichzeitig kritisiert er die geringe mediale Repräsentation von Frauen im Sport. Journalistinnen, Regisseurinnen und Redakteurinnen seien nach wie vor unterrepräsentiert – und genau deshalb würden Frauen im Sport oft anders dargestellt oder weniger sichtbar gemacht. Mehr weibliche Perspektiven in Medien und Führungsrollen könnten helfen, stereotype Darstellungen aufzubrechen und die Kultur nachhaltig zu verändern.
Nachhaltige Höchstleistung entsteht nicht durch permanente Überforderung, sondern durch stabile Rahmenbedingungen, Vertrauen und Verantwortung.
Unternehmen können vom Spitzensport vor allem lernen, dass Leistung nicht delegierbar ist, dass echte Teams durch gegenseitige Abhängigkeit funktionieren und dass Kommunikation ein entscheidender Leistungsfaktor ist. Kultur zeigt sich immer erst unter Druck – und psychologische Sicherheit ist keine Nebensache, sondern die Grundlage dafür, dass Menschen Verantwortung übernehmen, Fehler sichtbar machen und sich weiterentwickeln können.
Oder wie es Horst Nussbaumer sinngemäß formuliert:
„Im Spitzensport lernt man sehr schnell: Leistung entsteht nicht durch große Worte. Sondern durch tägliche Verantwortung – für sich selbst und für andere“.
Sein Stresstipp:
Im letzten Teil des Gesprächs geht es um Resilienz und persönliche Regeneration. Auf die Frage, wie er selbst mit Druck und Stress umgeht, antwortet er sehr klar: durch Sport. Besonders Ausdauersportarten wie Rudern, Radfahren oder ähnliche Bewegungen helfen, mental herunterzufahren und Stress abzubauen. Dabei brauche er keine Gruppensportarten oder soziale Ablenkung, sondern bewusst die Bewegung allein.
Die wichtigsten Erkenntnisse:
1. Was können Unternehmen von Hochleistungsteams im Spitzensport lernen?
Unternehmen können von Hochleistungsteams lernen, dass nachhaltige Höchstleistung durch gemeinsame Verantwortung, gegenseitige Abhängigkeit und konsequente Zusammenarbeit entsteht – nicht durch Druck oder Einzelkämpfertum.
2. Warum ist psychologische Sicherheit für leistungsstarke Teams so wichtig?
Psychologische Sicherheit ermöglicht es Menschen, Fehler, Unsicherheiten und Konflikte offen anzusprechen, wodurch Vertrauen entsteht und echte Weiterentwicklung sowie Spitzenleistung möglich werden.
3. Welche Rolle spielt Kommunikation für den Erfolg von Teams?
Erfolgreiche Teams achten darauf, wie Botschaften wirken, denn nicht die Absicht der Kommunikation entscheidet über Leistung und Zusammenarbeit, sondern die Wirkung beim Gegenüber.