Das Interview führe ich mit Martina Mader (Deputy Head of Human Ressources, People Development, International HR bei der Österreichischen Post)
Wenn über Unternehmenskultur gesprochen wird, entstehen oft Bilder von Leitbildern, Werteplakaten oder strategischen Initiativen. Im Gespräch mit Martina Mader wird jedoch schnell deutlich: Kultur ist weit mehr als ein HR-Projekt. Sie zeigt sich im Alltag, in der Art, wie Menschen zusammenarbeiten, wie Führung gelebt wird und wie Organisationen mit Veränderung umgehen.
Veränderung wird zum Dauerzustand
Besonders deutlich wird das aktuell beim Thema Künstliche Intelligenz. Während Schulungen und technische Qualifizierung bereits stattfinden, entstehen die eigentlichen Herausforderungen oft an anderer Stelle.
Viele Mitarbeitende beschäftigen Fragen, die selten offen ausgesprochen werden: Was bedeutet diese Entwicklung für meine Rolle? Welche Aufgaben werden künftig automatisiert? Welche Fähigkeiten werden weiterhin gebraucht?
„Die Menschen lernen die Tools, aber oft sprechen wir nicht darüber, was diese Veränderungen emotional mit ihnen machen“, beschreibt Martina Mader eine der größten Herausforderungen moderner Transformation.
Gerade deshalb sieht sie die Aufgabe von Führung und Personalentwicklung nicht nur darin, Kompetenzen aufzubauen, sondern auch Räume für offene Gespräche zu schaffen.
Kultur entsteht nicht am Reißbrett
Ein wichtiger Erfolgsfaktor des Kulturprozesses bei der Österreichischen Post ist für Martina Mader die bewusste Einbindung der Mitarbeitenden.
Die heute gelebten Unternehmenswerte wurden nicht von einer kleinen Projektgruppe definiert, sondern gemeinsam mit Führungskräften und Mitarbeitenden aus allen Bereichen entwickelt. Über Befragungen, Workshops und Feedbackprozesse entstand ein Wertefundament, das auf drei zentralen Begriffen basiert:
Sinn, Freude und Leistung.
Auf den ersten Blick wirken diese Begriffe einfach und selbstverständlich – und genau darin liegt ihre Stärke. „Wir haben früh erkannt, dass jede Person etwas anderes mit diesen Begriffen verbindet. Deshalb wurden die Werte durch konkrete Verhaltensanker ergänzt. Was bedeutet Freude im Arbeitsalltag? Wie zeigt sich Leistung? Woran erkennt man Sinn in der täglichen Arbeit?“ erklärt Martina Mader.
Erst durch diese Übersetzung in konkrete Verhaltensweisen konnten die Werte für die Organisation greifbar werden.
Warum das „Warum“ so wichtig ist
Ein zentrales Element der Kulturarbeit ist die bewusste Kommunikation von Zusammenhängen.
Wenn Veränderungen eingeführt werden, steht für Martina Mader eine Frage im Mittelpunkt:
Warum machen wir das eigentlich?
Was selbstverständlich klingt, geht im Arbeitsalltag oft verloren. Entscheidungen werden kommuniziert, neue Prozesse eingeführt oder Regeln angepasst, ohne den dahinterliegenden Zweck ausreichend zu erklären.
Dabei zeigt die Erfahrung immer wieder, dass Menschen Veränderungen deutlich leichter akzeptieren, wenn sie den Sinn verstehen.
Dieses Verständnis von Sinn geht bei der Österreichischen Post noch einen Schritt weiter. Es bezieht sich nicht nur auf einzelne Maßnahmen, sondern auch auf den gesellschaftlichen Beitrag des Unternehmens.
„Als Teil der kritischen Infrastruktur leistet die Organisation einen wesentlichen Beitrag zum Funktionieren des Landes. Dieses Bewusstsein schafft Orientierung und Identifikation,“ meint Martina Mader.
Freude ist kein Luxus, sondern ein Erfolgsfaktor
Besonders spannend ist der Umgang mit dem Wert „Freude“.
Während Freude in vielen Unternehmen noch immer als „weicher Faktor“ betrachtet wird, wird sie hier bewusst als Erfolgsfaktor verstanden.
Die Überlegung dahinter ist einfach, wie Martina Mader ausführt: „Menschen verbringen einen erheblichen Teil ihrer Zeit bei der Arbeit. Wenn diese Zeit positiv erlebt wird, wirkt sich das nicht nur auf das Wohlbefinden aus, sondern auch auf Motivation, Zusammenarbeit und Leistung.“
Dazu gehört auch, Mitarbeitende entsprechend ihrer Stärken einzusetzen und Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen.
Ein Schwerpunkt liegt deshalb in der Österreichischen Post auf internen Karrierewegen und Jobwechseln. Mitarbeitende sollen die Möglichkeit haben, neue Rollen auszuprobieren, Verantwortung zu übernehmen oder andere Karrierewege einzuschlagen.
Nicht jede Entwicklung bedeutet dabei Führung. Für manche Menschen liegt die Freude in einer fachlichen Spezialisierung, für andere in neuen Herausforderungen oder der Übernahme von Verantwortung.
Leistung neu denken
Der dritte Wert – Leistung – wird bewusst nicht isoliert betrachtet.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Leistung entsteht.
Für Martina Mader ist klar: Nachhaltige Leistung entsteht dort, wo Menschen wertschätzend geführt werden, ihre Stärken einbringen können und sich als Teil eines größeren Ganzen erleben.
Leistung und Freude werden dabei nicht als Gegensätze verstanden, sondern als gegenseitige Verstärker.
Wer gerne arbeitet, leistet oft mehr. Und wer seine Leistung als wirksam erlebt, empfindet wiederum mehr Freude.
Diese Sichtweise prägt auch die Führungskultur im Unternehmen.
Kultur sichtbar machen
Damit Kultur nicht abstrakt bleibt, setzt die Österreichische Post auf zahlreiche Formate, die den Alltag der Mitarbeitenden erreichen.
Besonders herausfordernd ist dabei die Größe und Vielfalt der Organisation. Zwischen Zentralbereichen, Logistikzentren, Zustellbasen und Postfilialen unterscheiden sich die Arbeitsrealitäten erheblich.
Umso wichtiger sind Formate, die Beteiligung ermöglichen.
Martina Mader nennt einige konkrete Beispiele wie anonyme Feedbackwände, „über die Mitarbeitende Fragen, Ideen oder Verbesserungsvorschläge einbringen können. Ebenso wurden Good-News-Kanäle geschaffen, in denen positive Entwicklungen, Erfolge und besondere Leistungen sichtbar gemacht werden.“
Ein weiterer wichtiger Baustein sind sogenannte Kulturbotschafter. Dabei handelt es sich nicht um eigene Stellen, sondern um Mitarbeitende aus unterschiedlichen Bereichen, die Kulturthemen in ihre Teams tragen und gleichzeitig Rückmeldungen aus der Organisation aufnehmen.
Dadurch entsteht ein kontinuierlicher Dialog zwischen Zentralbereichen und operativer Realität.
Kultur lebt von Beteiligung
Besonders deutlich wird in unserem Gespräch, dass Unternehmenskultur nicht zentral verordnet werden kann.
Viele der erfolgreichsten Initiativen entstehen direkt aus den Teams heraus. Manche Ideen werden von der Personalentwicklung angestoßen, andere entwickeln sich eigenständig weiter.
Gerade diese Mischung aus zentraler Orientierung und lokaler Gestaltungsmöglichkeit sind ein wichtiger Erfolgsfaktor: „Menschen erleben dadurch, dass sie Kultur nicht nur konsumieren, sondern aktiv mitgestalten können“ erklärt Martina Mader.
Diversität als Innovationsmotor
Ein weiterer Schwerpunkt der Kulturarbeit liegt auf Vielfalt und Diversität.
Mit Mitarbeitenden aus über 100 Nationen und einem klaren Ziel zur weiteren Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen versteht die Organisation Diversität nicht als Pflichtübung, sondern als strategischen Erfolgsfaktor.
Unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Sichtweisen schaffen bessere Entscheidungen und fördern Innovation.
„Gerade in einer komplexen Welt wird die Fähigkeit, verschiedene Blickwinkel einzubeziehen, zunehmend zu einer Kernkompetenz erfolgreicher Organisationen,“ meint Martina Mader.
Unternehmenskultur ist kein Projekt
Am Ende des Gesprächs wird deutlich, warum Kulturarbeit nie abgeschlossen ist.
Die Österreichische Post betrachtet Unternehmenskultur bewusst nicht als Projekt mit Enddatum, sondern als kontinuierlichen Entwicklungsprozess.
Menschen kommen neu ins Unternehmen, Teams verändern sich, Märkte entwickeln sich weiter und neue Herausforderungen entstehen.
Kultur muss deshalb immer wieder überprüft, weiterentwickelt und neu erlebbar gemacht werden.
Die Erfahrung zeigt dabei: Unternehmenskultur entsteht nicht durch Broschüren oder Leitbilder. Sie entsteht in Gesprächen, in Entscheidungen, in Führung und im täglichen Miteinander.
Oder anders formuliert:
Eine starke Kultur erkennt man nicht daran, welche Werte an der Wand hängen. Man erkennt sie daran, wie Menschen miteinander umgehen, wenn der Arbeitsalltag herausfordernd wird. Genau dort zeigen sich Sinn, Freude und Leistung in ihrer wirksamsten Form.
Ihr Tipp für herausfordernde Situationen:
„Einen wichtigen Ausgleich finde ich im Sport. Besonders wirksam ist für mich die Bewegung in der Natur. Darüber hinaus helfen mir Yoga und der Austausch mit Freund*innen, um bewusst Abstand zu gewinnen und den Kopf frei zu bekommen.“
Die wichtigsten Erkenntnisse
1. Warum scheitern Kulturveränderungen häufig?
Kultur lässt sich nicht verordnen. Sie entsteht dann, wenn Mitarbeitende aktiv an ihrer Gestaltung beteiligt werden und Werte im Alltag erlebbar sind.
2. Warum ist das „Warum“ bei Veränderungen so wichtig?
Menschen akzeptieren Veränderungen deutlich leichter, wenn sie den Sinn dahinter verstehen und erkennen, welchen Beitrag sie selbst leisten können.
3. Wie entstehen nachhaltige Leistung und Motivation?
Leistung entsteht dort, wo Menschen ihre Stärken einbringen können, Wertschätzung erleben und Freude an ihrer Arbeit haben.