Im Gespräch mit dem Zeitforscher und Philosophen Franz J. Schweifer ging es um ein Thema, das in Organisationen wie im persönlichen Leben immer drängender wird: den bewussten Umgang mit Zeit. Aus seiner langjährigen Forschung, Lehrtätigkeit und vielen Gesprächen mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft entwickelt Schweifer ein differenziertes Bild: „Zeit ist keine bloße Ressource – sie ist eine Gelegenheit, die ernüchternd verstreicht, wenn wir sie nicht erkennen und sinnstiftend nutzen“.
Seine zentrale Erkenntnis stellt er gleich an den Beginn unseres Gespräches: „Es geht nicht um die Quantität der Zeit, sondern um ihre Qualität – um Präsenz, um echtes Dasein im Moment“, fasst Herr Schweifer zusammen. Er nennt das „to be present“ – eine Fähigkeit, die sowohl menschlich als auch unternehmerisch über Erfolg entscheidet. Denn: Wer nicht lernt, Wesentliches von Wichtigem zu unterscheiden, verliert Orientierung und Wirkung.
„Wichtiges“ bezieht sich, so Schweifer, primär auf materiell Wertvolles und Bedeutsames. „Wesentliches“ hingegen zielt auf immateriell Entscheidendes ab, auf unser individuelles inneres WESEN und unsere besonderen Talente, Bedürfnisse und Sehnsüchte.
Besonders eindrucksvoll beschreibt Herr Schweifer, wie Gespräche mit Führungskräften oft dann Tiefe gewinnen, wenn biografische Brüche – wie Krankheit, familiäre Krisen oder Sinnfragen – das Verhältnis zur Zeit verändern. „Die Frage, wofür ich meine Zeit aufwende, wird erst dann lebendig, wenn ich sie mit meinen innersten Werten und Bedürfnissen verbinde“, so Schweifer.
Werte, Wesentlichkeit und innere Klarheit
In seiner Arbeit macht er deutlich: Wie und wofür wir die Zeit verwenden, spiegelt unsere Werte wider – ob bewusst oder unbewusst. Schweifer berichtet aus seiner Arbeit u.a. mit Studierenden, die eigene „Wertelandschaft“ zu erforschen.
Eine zentrale Übung (unter Verweis auf Platons Erkenntnis: „Wir bestimmen unser Leben mit der Wahl unserer Götter.“): sich zu fragen, welchen „Göttern“ man seine Zeit opfert – etwa Karriere, Anerkennung, Sicherheit oder persönlicher Entwicklung. Denn nur wer diese Motive erkennt, kann seine Zeit wirklich gestalten (siehe Beispiel 1 am Ende des Gespräches).
Dafür braucht es Raum zur Reflexion. Doch gerade in Organisationen fehlt dieser oft. Schweifer kritisiert die Tendenz, komplexe Themen wie Führung oder Kultur in Kurz-Workshops abzuhandeln. Das führe meist dazu, „das Übel nur noch besser zu organisieren“– man arbeitet effizient am Falschen. Stattdessen plädiert er für prozesshafte, werteorientierte Formate, die Tiefe zulassen – etwa mehrstufige Prozesse, begleitet von strukturiertem Nachdenken und konstruktivem Dialog.
Zeit ist Beziehung – zu sich selbst und anderen
Ein weiterer zentraler Aspekt in unserem Gespräch ist der Umgang mit Widersprüchen. Herr Schweifer sieht in ihnen keine Störung, sondern den Nährboden für Lernen und Entwicklung. Es brauche Zeit und Dialog, um diese Spannungen fruchtbar zu machen – zwischen Beruf und Privatleben, zwischen Effizienz und Sinn, zwischen äußerem Druck und innerem Kompass. Widersprüche brauchen Zeit, um wirklich verstanden und bearbeitet zu werden. Genau darin sieht Herr Schweifer die Voraussetzung für echte Veränderung – sowohl individuell als auch strukturell.
Zeitqualität zeigt sich auch in Resonanz: Menschen halten Belastung nur dann langfristig aus, wenn sie Rückmeldung spüren – wenn sie erleben, dass ihr Tun etwas bewirkt. Diese Form der Rückkopplung sei entscheidend für Motivation, psychische Gesundheit und persönliche Wirksamkeit (siehe das Beispiel 2 „Fix und Foxi“).
Rituale der Selbstfürsorge
Herr Schweifer teilt seine eigene Erfahrung mit alltäglichen Ritualen: Er praktiziert die „geistige Mülltrennung“ am Abend, bei der man bewusst loslässt, was belastet – und sich gleichzeitig für einen Moment der Dankbarkeit öffnet – indem er sieht, „was heute gut gelungen ist“. „Das sind keine Nebensächlichkeiten“, betont Herr Schweifer, „sondern wichtige Praktiken, um seelisch klar und resilient zu bleiben.“
Das Fazit unseres Gespräches: Zeitgestaltung ist Sinnarbeit
Für Herrn Schweifer ist echtes Zeitmanagement keine Frage von Tools oder Methoden, sondern eine existenziell-philosophische Aufgabe: Es geht darum, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, sich gute Fragen zu stellen, denn sie dienen erhellender „Selbstaufklärung und Selbsterkenntnis“ – etwa:
„WARUM tue ich das, was ich tue?“ Oder noch besser:
„WOZU tue ich das, was ich tue?“
Ein Warum fragt tendenziell nach Ursachen oder Beweggründen. Für den „Temposophen“ Schweifer sind Fragen nach dem Wozu aber noch wertvoller, denn „sie werfen uns auf uns selbst zurück und fragen v.a. nach Sinnhaftigkeit. Und Sinn ist der stärkste Motor für Ermutigung und Veränderung – letztlich auch für Zufriedenheit.“
Nur wer sich diese Frage ehrlich beantwortet, kann die eigene Zeit sinnvoll gestalten – und damit auch wirksam handeln. Gerade in einer Welt, die von Beschleunigung, Fragmentierung und Dauerwandel geprägt ist, braucht es Orte des Innehaltens. Räume für Sinn, Präsenz und Orientierung. Und vor allem: Mut, das Wesentliche zu erkennen – und ihm Zeit zu geben.
Beispiel 1 „Welchen Göttern opfere ich meine Zeit?“
Ein zentrales Beispiel aus seiner Lehre zeigt den Umgang junger Menschen mit Zeit und Werten.
In einem Seminar bat er seine Studierenden, ihre tägliche Zeitverwendung aufzulisten – inklusive scheinbar banaler Aktivitäten. Danach ließ er sie reflektieren:
„Wem oder was opfern Sie Ihre Zeit?
Was sagt das über Ihre inneren Werte aus – über die ‘Götter’?“
Ein Student antwortete etwa, er studiere deshalb, weil sein Vater möchte, dass er etwas lernt, „womit er Geld verdienen kann“. Erst durch das Gespräch und die leitenden Fragen von Herrn Schweifer wurde ihm klar, dass sein eigentliches Motiv darin lag, Anerkennung zu bekommen – durch die Erfüllung familiärer Erwartungen.
Herr Schweifer arbeitet so drei zentrale Reflexionsachsen heraus: Werte, Bedürfnisse und Erwartungen. Wer sich dieser Ebenen bewusst wird, kann Entscheidungen fundierter treffen und Zeit nicht nur effizient, sondern auch wesentlich, d.h. seinem jeweiligen Wesen entsprechend zielorientiert gestalten.
Beispiel 2 „Fix und Foxi“: Vom Gefühl des Ausgebranntseins
Herr Schweifer verwendet die Bezeichnung „Fix und Foxi“ als Symbol für einen Zustand, den viele Menschen in der modernen Arbeitswelt kennen: ausgebrannt, überfordert und leer. Dabei geht es ihm nicht nur um physische Erschöpfung, sondern um das Gefühl, keine Rückkopplung, keinen Sinn und keine Resonanz mehr im eigenen Tun zu erleben.
Er beschreibt in unserem Gespräch Situationen, in denen Menschen zwar sehr effizient arbeiten, aber innerlich völlig ausgelaugt sind – weil ihnen der Sinn fehlt oder weil sie ständig Erwartungen erfüllen, ohne sich selbst dabei wiederzufinden.
„Fix und Foxi“ ist in diesem Zusammenhang kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck eines systemischen Problems: fehlende Zeit zur Reflexion, mangelnde Wertorientierung und ein durchgetakteter Alltag ohne Raum für das Wesentliche.
Dieses Bild dient Herrn Schweifer dazu, die Relevanz von Selbstfürsorge, Rückkopplung und Sinnfragen zu unterstreichen – nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung für gesundes Arbeiten und Leben.
Wer sich nicht regelmäßig fragt, „Wozu mache ich das eigentlich?“, läuft Gefahr, irgendwann nur noch zu funktionieren und enttäuscht zu werden. Oder wie es der Zeitphilosoph pointiert ausdrückt: „Enttäuschung ist das Ende einer Täuschung.“
Dieses Beispiel verdeutlicht eindrücklich Herrn Schweifers Appell: Echtes Zeitmanagement beginnt nicht mit Planungstools, sondern mit dem Mut zur Sinnfrage – bevor wir am Ende „fix und foxi“ sind.
An dieser Stelle möchte ich gerne noch auf die Bücher von Herrn Schweifer verweisen:
Verlag Dr. Kovac:
Tempo all’arrabbiata. Kritische Zeitenblicke eines Temposophen
Ach du liebe Zeit. Rastlos zwischen Lust und Last. Hintergründe – Ursachen – Auswege
Zeit – Macht – Ohnmacht. Top-ManagerInnen im rasenden Zeit-Dilemma
Und zuletzt im Verlag Buchschmiede (ehem. myMorawa) erschienen:
Time 2 Stay? 111 Zeit_verrückte Fragen zum Verweilen (mit eigenen Cartoons)